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Auf dem Weg in die industrielle Zukunft – Revolution statt Evolution?

Die Zauberformel »Industrie 4.0« mit dem Verweis auf Cyber-Physical Systems steht in der Diskussion.

 

Noch vor wenigen Jahren waren sich führende Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Forschung und vor allem der Industrie darin einig, dass die Zukunft der industriellen Entwicklung – nicht nur in Deutschland - durch die Photonik bestimmt würde. Jedenfalls verkündete dieser Kreis, darunter auch die damalige Bundesministerin für Bildung und Forschung Anette Schavan, im Juni 2009 in München das Memorandum »Photonik 2020 – Lösungen aus Licht«. Darin heißt es u. a. zur Position Deutschlands: »Die Produktion ist ein wichtiger Sektor der deutschen Volkswirtschaft. Deutschland muss Standort für forschungs- und entwicklungsintensive Produkte bleiben. In den Szenarien für eine moderne Produktionstechnologie bildet die Photonik einen festen Bestandteil: Allein sieben der 32 Thesen des BDI zur Forschung für die Zukunft der industriellen Produktion in Deutschland zielen direkt auf den Einsatz Optischer Technologien.« Zur Begründung wurde angeführt, dass erst 10 bis 20 Prozent der Anwendungen des Photons in Produktion und Maschinenbau erschlossen sind. Mehr unter http://www.bmbf.de/de/18397.php

 

Zwar wurde und wird auch diese Initiative durch das BMBF aktuell öffentlich gefördert, aber scheinbar reicht der seitens der Industrievertreter angekündigte Eigenanteil an Forschungsaufwendungen in Höhe von 18 Mrd. Euro nicht aus, um die Zukunft des Industriestandorts Deutschland zu sichern.

Offensichtlich fehlten die wichtigsten Denker und Lenker des technischen Fortschritts. Denn die Protagonisten der Initiative »Industrie 4.0«, allen voran der ehemalige SAP-Manager und Vorstandssprecher Prof. Dr. Henning Kagermann, Prof. Dr. Wolfgang Wahlster, Chef des DFKI und Vorsitzender Hermes-Jury sowie Wolf-Dieter Lukas als BMBF-Vertreter, verkündeten öffentlich, dass die bislang drei stattgefundenen industriellen Revolutionen nun durch einen bevorstehenden Paradigmenwechsel abgelöst bzw. überholt würden. Durch die bevorstehende vierte industrielle Revolution werden »Autonome Produkte und Entscheidungsprozesse die Wertschöpfungsnetzwerke in nahezu Echtzeit steuern« in die Pole-Position rücken. Als Beginn dieser Neuzeit wurde das Jahr 2020 benannt.

 

Evolution oder Revolution?

Der Begriff »vierte industrielle Revolution«, den die Protagonisten im Zusammenhang mit der Initiative »Industrie 4.0« verwendeten, ist aus wissenschaftlicher Perspektive unscharf und ungeeignet. Der technische Fortschritt, um den es eigentlich geht, findet seine wissenschaftliche Deutung ausgehend vom philosophischen Werk von Auguste Comte (1798-1857) und dessen »Dreistadiengesetz«. Dem Dreistadiengesetz folgend verwendet der menschliche Geist im Laufe der Menschheitsgeschichte drei verschiedene, einander ausschließende Weisen des Philosophierens. Für jedes Stadium wird eine Form des Philosophierens dominierend, was jedoch nicht bedeutet, dass es daneben keine anderen Formen des Philosophierens mehr gibt (Ungleichzeitigkeiten). Im Gegenteil: So begleitete positives Denken die Menschheitsgeschichte zwar von Beginn an, doch war diese Denkform im theologischen und metaphysischen Stadium noch nicht die dominierende Form des Denkens. Dabei ordnet das Dreistadiengesetz die Entwicklung des menschlichen Geistes - im Grunde die ganze Menschheitsgeschichte - anhand der Leitlinie von Wissenschaft und Philosophie.

Mehr unter http://de.wikipedia.org/wiki/Drei-Stadien-Gesetz 

Das Dreistadiengesetz gilt nach Comte sowohl für die Phylogenese als auch für die Ontogenese (Der Mensch sei als Kind ein Theologe, als Jugendlicher ein Metaphysiker und als Erwachsener ein Physiker). Demgemäß gewinnt die Vernunft im Laufe eines Lebens immer mehr an Einfluss, physische Begierden verlieren an Macht. Die Aufeinanderfolge der drei Stadien ist dabei für Comte zwangsläufig: frühere Stadien sind jedoch notwendige Vorläufer des letzten, endgültigen Stadiums. Daraus leitet wiederum Dante die positive Philosophie ab, die seit damals einen stetigen Aufschwung genommen hat, wobei das positive Denken sich aus der praktischen Vernunft des Alltags entwickelt habe (Technik, Handwerk). Schließlich sollte die positive Philosophie die kritisch (verneinende) Philosophie des 18. Jahrhunderts ablösen. Wissenschaft ist für Comte jedoch nicht Selbstzweck, sondern soll dem Fortschritt der Menschheit dienen. Die gesellschaftliche Organisation der industriellen Entwicklung erfolgte nach diesem Dreistadiengesetz, und auch Marx und Engels beziehen sich in ihren Darstellungen über die »Erste industrielle Revolution« darauf. Dominierende soziale Schichten waren demzufolge Industrielle, Manager, Techniker, Wissenschaftler. Die industrielle Gesellschaft sei dabei nicht länger auf »Krieg und Gewalt« als Interaktionsmittel angewiesen. Mehr: http://www.uni-graz.at/~harings/Geschichte/Auguste%20Comte%20Dreistadiengesetz.pdf

Unter Berücksichtigung der Analyse der bisherigen Entwicklung des technischen Fortschritts ist es daher eher zutreffend, beim Themenkomplex »Industrie 4.0« von einer sich abzeichnenden Evolution statt einer Revolution zu sprechen.

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