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Digitalisierung in der Prozessindustrie

Fortsetzung des Interviews mit Nikolaus Krüger, Corporate Director Sales und Mitglied des Executive Boards der Endress+Hauser Gruppe.

 

Die Möglichkeiten zur Vernetzung der Prozessgeräte – sowohl der Sensoren als auch der Aktoren – ist heutzutage Stand der Technik. Hierzu gehört für den Hersteller solcher Prozessgeräte auch die Einbindung der vielen Kommunikationstechniken bzw. Systeme. Welche Bedeutung haben – mittel- und langfristig – die aktuell verfügbaren Kommunikationstechniken? Welche Veränderungen müssen aufgrund der Cloud-Konzepte berücksichtigt werden? Was würde die bevorstehende Verfügbarkeit von 5G ändern?

Krüger: Die Verfügbarkeit von 5G wäre zunächst eine Ergänzung zu den bisherigen Kommunikationssystemen. Allerdings bedeutet 5G einen großen Fortschritt, wenn es um zeitnahe Informationen geht. Das wäre bedeutend für »Machine Learning«, aber diese technische Variante ist für die Prozessindustrie vielleicht noch etwas weniger relevant als für die Fabrikautomation. Nichts desto trotz wird 5G einen wichtigen Beitrag zum technischen Fortschritt in Sachen Mobilität, Remote Servicekonzepten etc. bieten. Ich bin daher sehr froh, dass ich in meiner Aufgabe als Vorsitzender des ZVEI-Arbeitskreises Prozessautomation gemeinsam mit vielen Unternehmen diese Entwicklung voranbringen kann. Wir sind übereingekommen, dass wir diese Entwicklung, basierend auf Standardtechnologien unterstützen. Für Endress+Hauser wird 5G eine sehr wichtige und ergänzende Technik sein. Noch wichtiger, zumindest aber gleichbedeutend, wird jedoch das Thema APL (Advanced Physical Layer) sein. Durch APL wird die bestehende Ethernet Technologie ausgeweitet, sodass heute übliche Zweidrahtlösungen zukünftig für Feldgeräte in der Zündschutzart „Eigensicherheit“ beibehalten werden können. Und das mit einer schnellen Datenverbindung von 10 bis 100 Mbit/s, welche die Anwendungen und Möglichkeiten im Feld zukünftig deutlich erweitern. Auch hier geht man wiederum auf Standardtechnologien. Das erleichtert dem Anwender den sonst eher aufwendigen Integrationsaufwand.

 

Sie haben auf die Zusammenarbeit im ZVEI-AK hingewiesen. Andere Ingenieursverbände, z. B. der VDE, sind in der Standardisierungsfrage von 5G viel prägender als der ZVEI. Das gilt übrigens auch für Industrie 4.0. Gibt es dafür Gründe?

Krüger: Endress+Hauser engagiert sich in solchen Projekten über den ZVEI. Und der hat sich bei Industrie 4.0 ja sehr deutlich und vernehmbar engagiert. Ich sehe das auch aus der Perspektive unserer Branche: Für die Mitgliedsunternehmen ist der ZVEI eine wesentliche »Klammer«, in der sich unsere Erwartungen widerspiegeln. Natürlich engagieren wir uns auch in anderen wichtigen Gremien und Verbänden. Für E+H ist 5G zwar sehr bedeutend, aber etwas anders besetzt als für die Hersteller von Schaltanlagen, Prozessleittechnik oder ganzen Systemarchitekturen. Wir können uns bezüglich der Vielzahl der Kommunikationprotokolle auf unsere Feldgeräte zurückziehen und konzentrieren uns auf die Themen Interoperability und einfache und geprüfte Integration. Endress+Hauser setzt zunehmend  stark auf die Ethernet-Technology. Gestartet hatten wir in unserer strategischen Zusammenarbeit mit unserem Partner Rockwell Automation mit Ethernet IP. Heute haben viele unserer Feldgeräte bereits integrierte Web Server z. B. in den Magnetisch-induktiven Durchflussmessern „Promag“ oder Flüssigkeits- und Gasanalysatoren. Diese Strategie wird weitergeführt und selbstverständlich mit zukünftig verfügbarer Wireless Technologie ergänzt.

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Der selbstkalibrierende Temperatursensor iTHERM TrustSens von Endress+HAUSER wurde BEI DER Eröffnungsfeier der Hannover Messe mit dem HERMES AWARD 2018 ausgezeichnet.

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Die Prozessindustrie ist durch eine sehr lange Laufzeit der installierten Basis gekennzeichnet. Diese Prozessgeräte sind technisch durch frühere Konzepte gekennzeichnet. Prozessanlagen »leben« bekanntlich viel länger als diskrete Produktionsanlagen. Was wird aus dem Bestand?

Krüger: Endress+Hauser führt darüber eine sehr intensive Diskussion, und es gibt eine Lösungsoption. Wir können den Bestand an eigenen Geräten mit einem passiven RFID-Tag ausstatten und in dieses RFID-Tag Informationen eines digitalen Zwillings einbinden. Wir bieten unseren Bestandskunden diese Variante an und können dann mittels unserer Scanner-App einen Beitrag zur Einbeziehung des Bestands anbieten. Selbstverständlich müssen dabei die Sicherheitsvorschriften bezüglich Ex-Schutz und dergleichen beachtet werden. Es gibt auch Diskussionen mit Kunden, diesen Service auf die Geräte von Drittanbietern auszuweiten. Aber auch diesbezüglich müssen Regeln beachtet werden.

Andererseits gibt es da auch Schwellen. Wenn es sich bei der IIoT-Betrachtung um ein Feldgerät von uns handelt, erfährt der Service-Mitarbeiter alle relevanten Details wie Dauer der Feldinstallation, Lebensdauer des Geräts, Service- und Kalibrierintervalle, Verfügbarkeitszeitraum, Ersatzteilliste bis hin zum Ersatzprodukt. Bei einem Fremdgerät können wir solche Informationen nicht zur Verfügung stellen.

 

Bei der diesjährigen Hannover Messe beklagten einige Verbände, dass der Mittelstand bei der Umsetzung von Industrie 4.0 bremsen würde. Aber offensichtlich fehlt es an geeigneten Maßnahmen für eine Migration des Bestands. Welche Strategie befolgt E+H?

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Nikolaus Krüger: »Das bereits seit 2003 bestehende Asset-Managementsystem W@M von Endress+Hauser ist ein unermesslicher und bedeutender Juwel. Denn das W@M ist gleichbedeutend mit dem digitalen Zwilling für jedes Produkt des Unternehmens.«

IIoT-Funktionen in der Prozesstechnik.

Krüger: Wir sprechen mit allen Kunden über das mehrschichtige Themenfeld Digitalisierung. Es handelt sich dabei ja nicht nur um den gerade skizzierten Bereich »Operations«. Digitalisierung beginnt für uns mit den eigentlichen Geschäftsvorgängen bereits ganz vorne. Beispielsweise kann ein Kunde heutzutage das gesamte Angebot digital beschaffen, auch ohne den Besuch eines Außendienstmitarbeiters. Einfach über den Web Shop oder über den elektronischen Katalog. Das führen wir dem Kunden vor, darüber sprechen wir, und wenn der Kunde noch nicht so weit ist, dann sind wir geduldig.

Was für uns jedoch wichtig ist, betrifft das Engagement: Wir wollen ganz vorne dabei sein, das erwartet die Inhaber-Familie von uns. Und dazu investieren wir entsprechend. Und wir bieten den Kunden alle Optionen an, sowohl konventionell als auch digital. Ob im Engineering mit Applikations- und Auslegetools, dem Online-Konfigurator, den Inbetriebnahme Apps bis hin zu Cloud-basiertem Asset- und Maintenance Management. Alles nahtlos integriert und digital. Darüber hinaus entwickelt Endress+Hauser Einstiegshilfen in Form von logischen Starter-Sets, die einfach anzuwenden sind und praktische Lösungen enthalten. Bei der Fachmesse IFAT bieten wir beispielsweise eine solche Applikation zur Bestimmung der Wasserqualität an, zu der u.a. pH-Sensoren, eine Cloud-Anwendung und eine App gehören. Mit solchen einfach zu nutzenden Sets kann die Zurückhaltung auf der Anwenderseite reduziert werden. Wir versuchen, mit einfachen Kombinationen zu helfen und dabei auf verschiedenen Ebenen den Schritt in die Digitalisierung zu erleichtern.

 

Digitale Transformation – eine neue Herausforderung für die Prozessindustrie? Wie sicher ist dieser Wandel? Welche Strategie der Umsetzung würden Sie empfehlen – aktiv gestalten oder reaktive Anpassung?

Krüger: Zur IT-Sicherheit bzw. zur Security ist zu sagen, dass Endress+Hauser die zurzeit höchste in der Industrie anwendbare Sicherheitstechnik nutzt und anbietet. Ich bin selbst ein hoher Verfechter des Modells der Namur Open Architecture (NOA). In diesem NAMUR-Konzept arbeitet man mit einem gedanklichen Diodenmodell, durch das der Prozess vollkommen unberührt bleibt. Parallel dazu wird ein Cloud-basiertes Asset-Managementsystem oder auch Reliability Center aufgebaut, und über dessen Beobachtung kann dann entschieden werden, ob - und wenn ja welche - Maßnahmen in die Prozessoptimierung zurückgeführt werden sollen. Mit diesem Konzept bleibt der Prozess ziemlich autark. Selbstverständlich steht Endress+Hauser für eine aktive Gestaltung. Und wie bereits angeführt, wir helfen unseren Kunden auf deren Weg in die digitale Zukunft.

 

Herr Krüger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Wolfgang Klinker, Freiberuflicher Journalist in Landsberg am Lech

 

KONTAKT

Endress+Hauser Group

www.endress.com

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