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»Deutscher Zukunftspreis 2017 des Bundespräsidenten«

Fortsetzung des Interviews

 

Der Roboter kann sich ja, wie wir gehört haben, selbst produzieren. Entstehen dann aus Ihrer Innovation überhaupt Arbeitsplätze?

Dr.med. Simon Haddadin: Zunächst einmal und ganz konkret haben wir in einem ehemaligen Werk eines Telekommunikationsunternehmens 40 Arbeitsplätze in der Produktion geschaffen, dazu fünf bis zehn in der Endmontage sowie weitere im Umfeld Logistiklager, Warenhaus und Lackiererei.

 

Die Frage war eher ketzerisch gemeint, weil es ein Video von Franka Emika gibt, in dem sich der Roboter selbst fertigt. Aber Spaß beiseite: Werden in Deutschland durch Ihre Innovation hochwertige Arbeitsplätze geschaffen?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Ja, jetzt mal ganz im Ernst: Allein bei Franka Emika arbeiten mittlerweile fast 70 bestausgebildete Entwickler neben all den anderen und stetig wachsenden Unternehmensbereichen. In Hannover sind wir außerdem als Universität gerade dabei, gemeinsam mit der IHK Hannover und den dort ansässigen Berufsschulen IHK-Zertifikate für die Ausbildung dieser neuartigen Roboter zu erzeugen. Ich leite in Hannover das Pilotprojekt »roboterfabrik«, wir gehen in die Berufsschulen und Gymnasien und arbeiten gemeinsam mit Franka Emika an der Robotikausbildung der Zukunft. Derzeit wird eine Begegnungsstätte aufgebaut, in der Schüler, Studenten und Fachkräfte an einem Ort »Robonatives« werden können. Da treffen wir den Mechatroniker von morgen, den Robotiker von morgen, den Programmierer von morgen, aber eben auch die Nutzer von morgen. Und es werden so Arbeitsplätze bzw. Fachkräfte geschaffen, die es heute noch gar nicht gibt. Wir haben Anfragen, was die Leute alles mit Robotern machen möchten, tolle Beispiele in den verschiedensten Applikationsbereichen, bis hin zum Tätowierer, der gerne Roboter einsetzen würde. Wir können heute noch gar nicht genau sagen, was morgen alles möglich ist. Es ist eine Reise, deren Verlauf schlichtweg nicht vorhersehbar ist.

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Um nochmals auf die Analogie des Smartphones zurückzukommen: Franka Emika schafft eine Plattformtechnologie, speziell bezogen auf die Apps. Das heißt: Wir haben die Apps und wollen dann nächstes Jahr die Plattform so weit öffnen, dass auch andere Apps schreiben können. So wie im Smartphone-Bereich ein Riesenmarkt von App-Programmierern entstanden ist, glauben wir, dass wir viele App-Entwickler, eine sehr große Community an Bord bekommen, die dann quasi App-Programmierer für Roboter sind. Das ist ein neuer Markt, den es bisher nicht gab.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Wir schauen immer auf die Start-ups in den USA, aber warum gibt es keine Robotik-Start-ups bei uns? Das liegt daran, dass sich ein Start-up die Investitionskosten nicht leisten kann. Wie kann denn eine junge Firma eine halbe Million oder eine Million Euro in Automatisierungstechnik investieren? Denen gibt doch kein Mensch das Geld, damit sie erst mal in Metall investieren können. Den Leuten muss eine Plattform zur Verfügung gestellt werden, die die Investitionskosten drastisch senkt. Damit geben wir den Neugründern ein Mittel an die Hand, ihre eigenen Modelle zu erzeugen, ganz andere Lösungen zu schaffen und eigene Produkte auf den Markt zu bringen.

 

Gibt es in Ihrem Bereich zurzeit Wettbewerb?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Ich will vorsichtig mit solchen Aussagen sein, zumal wir in einem Land aufgewachsen sind, das eher Understatement pflegt. Im Bereich Robotik hat unsere Forschung in Deutschland stattgefunden, die Technologieentwicklung hat hier stattgefunden, der Tech-Transfer in die Start-ups hat in unserem Unternehmen stattgefunden, und die Kommerzialisierung hat ebenfalls in Deutschland stattgefunden. Ich persönlich sehe folglich derzeit niemanden, der unseren Stand erreicht hat. Wir sind hier sehr weit vorne.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Was jetzt wichtig ist, deswegen sind mein Bruder und ich auch viel unterwegs bei politischen Veranstaltungen, Presseterminen etc.: Wir wollen so vielen Ebenen der Gesellschaft wie möglich vermitteln, dass es hierzulande in Deutschland eine neuartige Plattformtechnologie gibt, die in der Lage ist – und wenn wir es gemeinsam richtig machen –, einen vergleichbaren Einfluss zu erreichen, wie es die Smartphone-Technologie aus dem Silicon Valley hatte. Am Ende sind unsere Konkurrenten die großen Technologieunternehmen der Welt, denn diese investieren riesige Summen, und dann es ist eine Frage der Zeit, bis sie unser Level geschafft haben. Ob das Jahre dauern wird, sei mal dahingestellt. Aber für uns heißt das, dass wir in Deutschland, in Bayern, in München, in Europa dafür sorgen müssen, dass wir genügend Unterstützung erhalten und dass diese Technologie auch hier auf lange Sicht groß bleiben kann. Ich war kürzlich in Brüssel, dort ging es um das Thema Roboterhaftung. Wer haftet, wenn neue intelligente Systeme, die selber lernen, einen Schaden verursachen? Es müssen auf vielen Ebenen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit wir unseren Vorsprung auch langfristig behalten und ausbauen können.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Vorsprung in Deutschland bedeutet: Vorsprung durch Köpfe. Und wir haben viele kluge Köpfe verloren. Ich selbst habe gerade Rufe des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Stanford Universität abgelehnt, weil ich der Überzeugung bin, dass wir das hier in Deutschland auf die Beine stellen sollten. Ich kämpfe stark dafür, die jungen klugen Köpfe hier zu halten. Viele der Franka-Emika-Kollegen – das muss man ganz ehrlich sagen – wären in den USA gelandet, wenn sie nicht Aufgaben bei Franka Emika gehabt hätten. Und es ist eine »Zuzug-Station« für diejenigen, die nicht in die Großkonzerne gehen, sondern neue Wege einschlagen wollen: Auch die verlieren wir normalerweise immer ins Ausland.

Das war für uns damals ein Grund für die Entscheidung, Entwicklungen nicht zu verkaufen: Wir wollen Themen hier aufziehen, wir sind hier ausgebildet, wir haben hier unsere Mentoren, und wir sind mit dem richtigen Maß an Patriotismus am Werk. Wir glauben, dass die Voraussetzungen in Deutschland ganz wunderbar sind, wenn wir durch unsere Ingenieurskunst – jetzt auch durch mehr Verständnis für die Digitalisierung – die Großindustrie und mehr und mehr die politischen Entscheidungsträger überzeugen, dass diese Art von Robotik etwas komplett Neues ist und sie uns völlig neue Möglichkeiten bietet. Sie ist mehr als nur eine weitere Evolutionsstufe, und wir müssen das nachhaltig in Deutschland verankern, die Leute hier im Land halten, die Ausbildung entsprechend aufstellen. Diese Chance haben wir jetzt. Wir tun alles in unserem Wirkungsbereich, was wir tun können, um das zu ermöglichen.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Wir würden gerne helfen, das Gegenstück zum amerikanischen Silicon Valley zu entwickeln, hier in und um München. Wir wollen ein Ökosystem schaffen, in das sich Start-ups, Hobbyisten, Uni-Absolventen und Studenten einbringen können, ohne dass hohe Kosten anfallen. Wir wollen einen Standort schaffen, an dem völlig neue Geschäftsmodelle und neue Technologien entstehen, die auf dem basieren, was wir jetzt tun – Schlagwort Cyberphysical, also der Schritt aus dem Internet hinein in die reale Welt.

 

Start-up – wie haben Sie das am Anfang finanziert? Und haben Sie die klassischen Gründerfehler gemacht?

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Zum Thema Fehler: Fehler haben wir viele gemacht, und das ist ja auch ganz normal. Und zur Finanzierung: Man muss mit kleinen Mitteln zeigen, was man zu leisten in der Lage ist. Und man braucht Unterstützung von Menschen, die an einen glauben. Für uns war und ist das vor allem Prof. Hirzinger – sowohl in technischer Hinsicht als auch, was die Vision betrifft. Von den großen Robotikern Deutschlands und Europas können wir lernen, und wir versuchen, einen kleinen Beitrag zu leisten, um irgendwann aufschließen zu können. Außerdem haben wir Unterstützung von der Helmholtz Gesellschaft, der Dachorganisation der DLR, erhalten und auch Privatiers gewonnen. Es ist uns gelungen, Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen von unserer Innovation zu überzeugen.

Wir haben auf vielen Ebenen Kontakte geknüpft, denn wir wurden vorher von vielen großen Firmen für Dienstleistung und Consulting ins Haus geholt, wenn es darum ging, Probleme zu lösen. Das waren große Hersteller und einer der größten Autobauer Deutschlands, die Probleme hatten, die sie nicht lösen konnten, was uns aber gelungen ist. Daneben gab es noch Förderprojekte auf Bundesebene und durch bayerische Staatsministerien. Die letzten Schritte sind eher die klassischen Investitionsrunden. Glücklicherweise sind wir mittlerweile in einer relativ starken Position. Nun erzielen wir auch gute Umsätze, und mit diesen Rückflüssen kann man viel bewerkstelligen.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Hinzu kommt, dass wir alle sehr genügsam sind. Das zeigt das Gewicht der Vision: Wir sind schlichtweg der Meinung, dass wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Unser Ziel war nie, etwas in die Welt zu setzen, das einen riesigen monetären Rückfluss bringt. Der schönste Lohn besteht darin, dass man auf der ganzen Welt Gespräche über unsere Innovation führen und zum Beispiel mit unserem Geriatronik-Ansatz echte Probleme lösen kann. Eine schönere Bestätigung kann es nicht geben.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Auf eine Sache möchte ich jedoch bei aller Begeisterung noch hinweisen: Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, lief die Entwicklung ziemlich gut. Es war immer relativ klar, was wir da tun. Doch was ich der nächsten Generation von Start-ups, die hoffentlich in einer größeren Anzahl in Deutschland entstehen werden, wünsche, ist, dass das ganze Prozedere, das einen vom eigentlichen Ziel ablenkt, einfacher wird. Es müssen andere Mechanismen geschaffen werden. Mein Bruder, Sven und ich mussten uns wochenlang mit Papierkram und mit Verhandlungen beschäftigen. Man ist jung und relativ unbedarft und sitzt plötzlich mit extrem erfahrenen Leuten an einem Tisch. Hier müssen bessere Wege für Start-ups geschaffen werden, und ich hoffe, wir können dazu etwas beitragen, quasi als Vermächtnis unserer Arbeit.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Wir stellen fest, dass es wesentlich mehr Start-ups gibt, seitdem wir da sind. Es wird mehr und mehr in die Robotik investiert. Die Leute haben verstanden, dass so etwas funktionieren kann. Bevor wir auf der Bildfläche erschienen sind, hätte man geglaubt, das kann nur ein Großkonzern schaffen. Und ich bin heute immer mehr vom Gegenteil überzeugt: Ein Großkonzern hätte das in der Form nicht bewerkstelligen können. Was wir geschaffen haben, ist kein Entwicklungs- und kein Evolutionsthema, es war eine völlig neue Konzeption und Denkweise bezogen auf das, was ein Roboter können soll.

 

Um das Ganze nochmals zusammenzufassen: Was ist das Innovative an Ihrem Projekt, das jetzt mit der Nominierung zum Deutschen Zukunftspreis bereits gewürdigt worden ist?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Innovativ sind drei Aspekte: ein technischer, ein gesellschaftlicher und ein unternehmerischer. Wir haben die Robotik mannigfaltiger gemacht und sie in ein neues Zeitalter gehievt, quasi salonfähig in der realen Welt gemacht. Sie ist nicht mehr nur eine Spezialtechnologie, sondern für jedermann verfügbar und anwendbar. Unsere Innovation hat einen sehr starken gesellschaftlichen Aspekt – sie kann unsere gesamte Gesellschaft umkrempeln. Und – wir haben das alles auch unternehmerisch umgesetzt.

 

Jetzt wollen wir noch auf Ihren persönlichen Werdegang kommen. Wer hat Sie begleitet auf Ihrem Weg? Sind Sie aufgrund der Familientradition in die Medizin eingestiegen?

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Nein, es war eher ein Quereinstieg. Ich hatte nicht vor, Medizin zu studieren, aber meine Mutter hat mich dazu bewogen. Ohne sie oder meinen Vater wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Meine Eltern sind die Ersten, die ich hier nennen möchte. Dann kommt mein Bruder, der ja Professor ist und mich beruflich und vor allem auch im Privatleben immer wieder inspiriert. Wir sind extrem familienverbundene Menschen. Das liegt vielleicht auch an unseren Wurzeln: Unsere Eltern sind beide Immigranten aus verschiedenen Ländern. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir hier in einem fremden Land leben – wir sind in Deutschland aufgewachsen –, aber es gab eine familiäre Einheit. Das hat mich sehr geprägt. Mein Vater hat mich dazu gebracht zu lernen, bis die Augen auf dem Tisch liegen. Das begleitet mich bis heute: bei allem, was man tut, zu versuchen, das Beste daraus zu machen. Meine Eltern sowie mein Bruder und meine Schwester waren in meinem Leben die wichtigsten Personen, bis vor circa drei Jahren mein Sohn auf die Welt gekommen ist. Zudem gibt es auch im beruflichen Umfeld sehr wichtige Menschen, allen voran Prof. Gerd Hirzinger oder auch Prof. Alin Albu-Schäffer, die uns eine Plattform gegeben haben, eine »Bühne«, auf der man spielt, nicht irgendwo in einer Seitenstraße, sondern auf einer repräsentativen Bühne. Nennen möchte ich auch meinen Doktorvater aus der Pathologie, Prof. Molnárder, der mir eine akribische, exzellente Arbeitsweise mitgegeben hat.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Das kann ich nur bestätigen Wir sind aufgrund unserer Herkunft familiär sehr stark verbunden. Mitbekommen haben wir Kreativität und Freiheit. Neugier war immer etwas Positives bei uns in der Familie, bei uns wurde wissenschaftlich und politisch viel diskutiert. Uns hat immer viel mehr verbunden als getrennt, auch heute noch und auch zwischen den Generationen. Unser Vater kommt aus Jordanien, aus einer katholischen Familie, wo Bildung seit jeher eine große Rolle spielt. Das wurde uns auch mitgegeben. Mit unserer finnischen Mutter kamen dann Kreativität und Freiheitsdenken dazu. Geboren wurden wir in einem Land, in dem die Ausbildung und die akribische Arbeit wichtig sind. Was uns ebenfalls stark beeinflusst hat, war der Übergang von einem getrennten Deutschland zu einem vereinten Europa. Mir persönlich gab beides – die Familie und der gesellschaftliche Wandel – die Möglichkeit, meinem Forschertrieb nachzugehen. Ich wollte immer Forscher werden, das hat mich immer umgetrieben. Dann gab es viele Förderer, ich hatte immer auch historische Vorbilder. Ich schaue zu Menschen auf, von denen ich viel halte, möchte von ihnen lernen, weiß es sehr zu schätzen, dass sie sich Zeit für mich nehmen und das, was ich tue und was wir tun, verstehen. Durch die Tatsache, dass ich – zumindest glaube ich das – sehr offen bin und dass auch andere sehr offen mit mir umgehen, bin ich zu einem überzeugten Weltbürger geworden.

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Bei mir ist es anders gelaufen. Ich komme nicht aus einer Akademikerfamilie, und deswegen war es nicht klar, dass die Wissenschaft plötzlich mein Weg sein könnte. Ich war eigentlich immer eher praktisch veranlagt, habe aber sehr früh auch von meinen Eltern die Neugier und den Wert von Wissen mitbekommen. Ich habe zuerst auch durch das Studium an der Fachhochschule eher den praktischen Weg gesucht und bin dann am DLR zur Wissenschaft gekommen. Sami und unser Institutsleiter Prof. Gerd Hirzinger haben mir dann diesen Weg gezeigt.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Es sind nicht immer nur Lehrmeister, die einen prägen, sondern es ist das Team, das einem auch bei schwierigen Entscheidungen absolutes Vertrauen entgegenbringt. Wir sitzen uns seit fünf Jahren sozusagen auf dem Schoß, und noch immer herrscht diese unheimliche Dynamik vom ersten Tag. Alles wird besprochen, und wenn das kleinste Detail nicht mehr stimmt, wird sofort versucht, das in der Gruppe zu lösen. Die Menschen, die hier bei uns sind, haben mich sehr geprägt.

 

Wie groß ist das Team mittlerweile?

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Wir gehen gerade auf die 80 zu, ungefähr 65 davon sind Festangestellte, der Rest Freiberufler. Ein Großteil unserer Belegschaft wurde bei uns ausgebildet. Wir haben ungefähr 20 oder 25 Master-Arbeiten bei uns betreut. Etwa 40 Mitarbeiter sind in der Produktion beschäftigt.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Wir hatten nie Probleme, Nachwuchs zu finden. Als das Thema »Digitalisierung der Industrie« aufkam, waren wir ein Team, das sich als »Bewegung« verstanden hat – gruppiert um ein paar maßgebliche Leute natürlich, aber jeder identifiziert sich mit dem, was wir tun. Das ist ja das Besondere: Wir haben immer gedacht, dass das, was wir tun, das Richtige ist, und konnten mit vollem Herzen dabei sein. Sven Parusel war damals am DLR mein Diplomand, wir haben gemeinsam Dinge auf die Beine gestellt, und wir haben jeden, auch junge Studenten, ernst genommen, denn jeder kann auf irgendeine Weise etwas Wichtiges und Sinnvolles leisten.

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Ich habe mich ebenfalls gut aufgehoben gefühlt, weil in diesem Umfeld jeder, der eine Idee hat, angehört und wertgeschätzt wird. Das ist etwas, was wir vom DLR mitnehmen und auf unsere Arbeit übertragen konnten.

 

Eigentlich erübrigt sich die Frage, dennoch: Warum sollte man sich für diesen Berufsweg entscheiden?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Ja, die Frage muss in der Tat anders gestellt werden: Warum sollte man nicht das tun, was einem am Herzen liegt? Wir leben in einem freien Land. Als ich an die Uni Hannover berufen wurde – was ich als große Ehre empfunden habe –, hieß es, ich wäre mit knapp über 30 Jahren der Jüngste, der wahrscheinlich jemals in der Robotik und Regelungstechnik in Deutschland berufen wurde. Danach befragt, ist es aus mir herausgeschossen: »Ja gut – Alter ist ja zuerst mal keine Qualifikation!« Was gibt es Schöneres, als etwas zu realisieren, was einem wichtig ist, also das zu tun, was man möchte? Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir zwar durchaus von äußeren Zwängen getrieben werden, aber eine Generation sind, die sehr frei ist. Für diese Freiheit haben unsere Eltern und unsere Großeltern weltweit gekämpft. Das ist auch Verantwortung gegenüber unserer Umgebung, meinen Kindern gegenüber, unseren Mitmenschen gegenüber – ich möchte, dass sich junge Menschen kreativ ausleben können, so wie ich das konnte.

Ich habe immer das Gefühl von Freiheit gehabt – nicht nur die private zu Hause, sondern auch »geistige Väter«, die mir Freiheit gegeben haben. Das habe ich als unglaubliches Privileg empfunden, und dieses Privileg muss man deshalb weitergeben – natürlich ohne sich dabei gegenseitig zu behindern, ganz im Gegenteil: Wir sind hier umgeben von vielen Privilegierten, die von einer gemeinsamen Sache angetrieben werden und sich zusammengetan haben, um ihr Ziel zu erreichen. Dann ist es auch nicht so schlimm, wenn man mal hinfällt.

 

Wie sehen Sie sich selbst: eher als Wissenschaftler oder eher als Unternehmer, oder wechseln Sie die Hüte?

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Weg von der Wissenschaft hin zum Unternehmerischen, zur Produktentwicklungen, ist kein kleiner Schritt. Das ist uns nicht leichtgefallen, aber man gewinnt natürlich neue Möglichkeiten. Und deswegen ist das eben Angesprochene so wichtig: Das Team besteht aus »Getriebenen«, aus innovativen Leuten. Wir sind kein Teil der klassischen Industrie, denn wir haben weiterhin viele Forschungsaufträge, weshalb wir die Forschung nicht ganz hinter uns gelassen haben. Und wir können darüber hinaus im Rahmen des Produkts sehr viel Neues entdecken.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Bei der Frage »Wissenschaftler oder Unternehmer« steht bei mir persönlich klar der Wissenschaftler im Vordergrund. Mich erfüllt es mit Stolz, dass das Unternehmerische auch ohne mich so gut funktioniert. Ich bin kein Unternehmer. Ich habe zwar damals ein Unternehmen gegründet, aber der Grund dafür war, dass ich an die Vision geglaubt und gesehen habe, was uns umtreibt, wo wir hinwollen und was fehlt. Das war kein echtes Unternehmerdenken, sondern wir haben schlicht das Rüstzeug gebraucht, um unsere Vision auf die Beine zu stellen. Franka Emika haben wir nach und nach zu dem entwickelt, was es heute ist. Wir sind von der Forschung direkt in die Realität gegangen und haben nicht wie andere zehn oder 15 Jahre Technologietransfer betrieben. Darin sind andere viel besser als ich. Das Unternehmerische ist bei meinem Bruder in den besten Händen, das Team vertraut ihm, und ich kann zu 100 Prozent Forscher sein. Aus der Ferne gibt es vielleicht mal einen Ratschlag – ich kann anrufen, und die können sich den Rat anhören oder auch nicht. Entscheidungen treffen die anderen. Man muss den Staffelstab guten Gewissens übergeben können.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Dass ich Wissenschaftler bin, kann ich mittlerweile nicht mehr von mir behaupten, weil ich mit sehr vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Ich bin froh, dass ich ab und zu mal die eine oder andere Idee beisteuern kann. Das ist genauso wie in der Entwicklung und bei der Software: Am Ende ist es nicht eine einzelne Person, die etwas tut. Ich habe eine größere formale Verantwortung. Wenn man offiziell als Geschäftsführer eingetragen ist, dann ist man auch der, der an vorderster Front steht. Aber es ist keine Einzelleistung, wir haben sehr viele gute Leute, die uns unterstützen, denn ich habe keinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund, das meiste haben wir uns selbst beigebracht. Und die Lernkurve steigt hier täglich, nicht über Wochen oder Monate.

Technologisch hatten wir immer eine sehr klare Vision, wo es hingeht, aber jetzt sind wir ein Unternehmen. Vision und Aufgabe des Unternehmens ist mehr als die reine Entwicklungsarbeit. Das ist etwas ganz Neues. Ich glaube, wir können Neues schaffen, und das ist eine enorme Herausforderung. Noch ist es nicht so weit, aber ich glaube, wir können ein großes Technologieunternehmen werden, und das ist auch unser Ziel.


Man spricht gerne von der »schönen digitalen Welt«. Wie sieht diese Welt Ihrer Meinung nach in 20 Jahren aus?

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Die cyber-physischen Systeme sind im Kommen, und die nächste Generation wird damit leben, dass vernetzte Robotik allgegenwärtig ist. Das wird Einfluss auf die Gesellschaft haben. Vernetzungen gibt es ja auch schon in unserer Generation, etwa durch Smartphones, aber im Umgang mit der physischen Welt wird man dieses Thema in den nächsten 20 Jahren sehr stark vorantreiben. In diesem Sinne muss man den Nachwuchs fördern – wir sprechen bereits von den »Robotic Natives«, wenn von der nächsten Generation die Rede ist.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Als Wissenschaftler würde ich sagen: Ich habe keine Ahnung. Der Wissenschaftler, der viel weiter als fünf Jahre halbwegs zuverlässig prognostizieren kann, muss erst noch geboren werden. Das halte ich für höchst spekulativ. Aber wenn Sie mich fragen, wen man zu diesem Thema interviewen sollte, dann würde ich sagen: unsere Kinder. Die werden das, was wir hinterlassen, nehmen und was völlig Neues daraus machen. Kompetenz ist, wie bereits erwähnt, keine Frage des Alters. In 20 Jahren sind es nicht mehr wir, die Sie fragen sollten. Uns können Sie fragen: Was ist in fünf Jahren, in zehn Jahren los? Aber ich denke, eines ist sicher: Die Robotik wird in Zukunft überall sein. Wir werden mit Maschinen kommunizieren, es wird so gut wie keine Grenze geben zwischen Mensch und Maschine, es wird ganz andere Möglichkeiten geben zu interagieren und zu leben. In 20 Jahren wird die Robotik, die Automatisierungstechnik, hoffentlich das geschafft haben, wofür sie angetreten ist: die Sklaverei auf der Welt abzuschaffen. Wir wollen dafür sorgen, dass nicht Zehnjährige unsere Kleidung herstellen müssen, sondern dass jedes Kind so aufwachsen kann, wie es bei uns möglich ist. Das große Thema „Zukunft der Arbeit“ ist und wird nicht nur bei uns in Deutschland von zentraler Bedeutung sein, es ist weltweit das große Thema. Das sollte die Robotik schaffen.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Das sehe ich genauso. Endlich sollen die Menschen wieder in den Vordergrund rücken. Das passiert ja heutzutage schon in der digitalen Welt: Im Internet ist alles kundenzentriert, es setzt sich das durch, was den Leuten am meisten hilft, also auch der Masse, und das meistens zu einem günstigeren Preis und meistens auch mit mehr Komfort. Das fängt schon beim Carsharing an: Ich brauche mir in der Stadt kein Auto mehr zu kaufen. Unsere gesamte Technologie sollte dazu dienen, dass es uns Menschen besser geht, und da sollte man nicht an den deutschen oder europäischen Grenzen haltmachen. Es gibt viele Menschen auf diesem Planeten, die hart dafür arbeiten, damit wir hier schöne Smartphones haben. Diese Menschen haben ein besseres Leben verdient.

 

KONTAKT

Dr. Simon Haddadin

Geschäftsführer

Franka Emika GmbH

Infanteriestraße 19, Geb.3

80797 München

Tel.: + 49 (0) 89 / 20 06 06 026

Fax: + 49 (0) 89 / 20 06 06 921

E-Mail: simon.haddadin@Franka.de

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Die Autorin

Mechtild Freiin v. Münchhausen, M.A.

Leiterin Referat für Kommunikation und Marketing

Pressesprecherin

Leibniz Universität Hannover

Welfengarten 1

30167 Hannover

Tel.: + 49 (0) 511 / 76 25 355

Fax: + 49 (0) 511 / 76 25 391

Mobil: + 49 (0) 177 / 37 34 026

E-Mail: vonMuenchhausen@zuv.uni-hannover.de

www.uni-hannover.de

 

 

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