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Deutscher Zukunftspreis 2017 des Bundespräsidenten« - Interview mit den Gewinnern

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Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin, Sprecher des Teams (mitte)

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin (Geschäftsführer Franka Emika GmbH (rechts)

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel (links)

 

Ihre Innovation ist der Ausblick in die »schöne neue digitale Welt«. Sie habe haben ein Robotersystem entwickelt, das dem Menschen bei der Bewältigung alltäglicher Probleme helfen kann, seien es nun komplexe Montageabläufe oder Hilfeleistungen für ältere Menschen. Können Sie uns bitte die Schritte der Entwicklung aufzeigen? Wie kam es von der Idee zur Erfindung und schließlich zur Innovation?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Wir haben große Teile der Grundlagenforschung noch in unserer Zeit am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erarbeitet. Die Fragen lauteten damals: Wie muss der ideale Roboter aussehen? Welche Fähigkeiten sollte er haben? Wie kann man ihn bauen? Welche Sensorik sollen wir ihm geben, bzw. können wir ihm eine Feinfühligkeit, die der menschlichen ähnlich ist, geben? Wir haben daraufhin einen Roboter entwickelt, der durch seinen künstlichen Tastsinn fühlen kann, den man bei der Hand nehmen kann, der sogar vom Menschen selbstständig lernen kann. Das ist der Kern unserer Arbeit. Dann kamen weitere Fragen hinzu: Diese intelligenten autonomen oder teilautonomen Systeme, die wie Werkzeuge fungieren sollen, müssen von jedermann programmiert werden können. Wie muss dafür die Software ausgelegt werden – von den mathematischen Grundlagen bis hin zu den Algorithmen, um diese komplexen Systeme überhaupt programmieren und regeln zu können? Zu den Grundlagenarbeiten gehörte auch die Frage, wie sich diese Roboter so sicher machen lassen, dass man sie aus ihrer Schutzzone herauslassen kann. Wie kann man Issac Asimovs berühmte Forderung „Ein Roboter darf dem Menschen keinen Schaden zufügen“ in die Realität umsetzen? Die grundlegende Technologie zu schaffen, die diesen Anforderungen genügen kann, war der große erste Schritt unserer Innovation.

Der nächste Schritt war dann die Entwicklung der ersten Reihe an Prototypen. In dieser Phase haben wir uns ganz praktische Fragen gestellt: Wie kann man komplexe Weltraumtechnologie in reale Systeme und in ein entsprechendes Produkt umsetzen? Wie müssen diese Systeme gebaut werden, und wo können sie gebaut werden? Am Schluss kam dann die Umsetzung des ersten Systems seiner Art, das ich mittlerweile „Netbot“ nenne. Ein Netbot ist ein interaktiver, vernetzter Assistent, der von jedermann programmiert und benutzt werden kann.

Wie lange hat dieser Prozess gedauert – von den ersten Überlegungen bis zum vorzeigbaren Produkt?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Etwa zehn Jahre, so viel Zeit muss man veranschlagen.

 

Haben Sie beide als Brüder von Anfang an zusammengearbeitet?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Nicht von Anfang an, viele der Fragen wurden schon vorher aufgeworfen. Aber ich habe dann im Rahmen der Fragestellung, ob und wie ein Roboter sicher für den Umgang mit dem Menschen gemacht werden kann, immer wieder den Rat meines Vaters und dann auch meines Bruders gesucht. Er war damals ein sehr guter Medizinstudent und hatte schon enorm viel relevantes Wissen für diese neuen Forschungsthemen.

 

Gab es demnach ein brüderliches Gespräch, das Sie beide bewogen hat, sich mit der Materie zu beschäftigen?

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Ja, das war zum Jahresende 2008. Es ging damals um die Kollisionsdetektion meines Bruders, die es ermöglicht hat, dass Roboter bei unvorhergesehenem Kontakt stehen bleiben und so den Menschen nicht verletzt – das war einer der großen Durchbrüche. Dabei kam die Frage auf, wie man so etwas beweisen kann. Und da bin eben ich als Mediziner gefragt. Es ist eine Frage der statistischen Relevanz, und so sind wir zusammengekommen. Ich habe dann ebenfalls beim DLR angefangen, und dabei habe ich Sven kennengelernt. Sven und ich haben mehrere Jahre mehr oder weniger in einem Keller verbracht, wo wir Reihen an Kollisionsversuchen durchgeführt haben, um herauszufinden, wo die Grenze zwischen Gefahr und Nicht-Gefahr für den Menschen verläuft. Hieraus ist dann auch meine Dissertation entstanden.

 

Herr Parusel, wie sind Sie zum Teammitglied geworden?

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Ich bin im Zuge meiner Diplomarbeit dazugekommen. 2008 habe ich eine Stelle dafür gesucht, mich bei Sami am DLR beworben und bin angenommen worden. Das Thema hieß: »Billard spielen mit einem anthropomorphen Roboter«, und die Fragestellung lautete: Was können wir mit der Feinfühligkeit und den Fähigkeiten des Roboters machen? In diese Richtung habe ich meine Diplomarbeit geschrieben, und anschließend haben wir ein komplettes Steuerungs- und Regelungssystem sowie erste Prototypen einer neuartigen Programmierung für Roboter entwickelt, in der es um die einfache Bedienung und um die Nutzung dieser Feinfühligkeit, um die Interaktion mit dem Menschen und die Vernetzung ging.

 

Feinfühligkeit, Interaktion, Vernetzung – das sind ja alles menschliche Eigenschaften bei einer Maschine. Will man das wirklich erreichen?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Grundsätzlich sollte sich die Robotik, wie wir sie verstehen, am Menschen orientieren, und daher haben wir damals auch die Forschungsgruppe Human-Centered Robotics gegründet. Uns war es immer wichtig, den Menschen als Vorbild zu sehen und zu überlegen, woher er jene Fähigkeiten hat, die ihn einer Maschine so überlegen machen, gerade bei Eigenschaften wie der Feinfühligkeit. Menschen sind Robotern immer noch haushoch überlegen, weil sie nicht nur die Fähigkeit des abstrakten Denkens, also der Kognition, sondern auch die weitaus bessere Motorik haben. So stand für uns immer der Mensch als Vorbild und Nutzer im Mittelpunkt: einerseits für das Design und die Interaktion mit der Maschine, andererseits für das technische Imitieren dieser Fähigkeiten.

 

Heißt das also, dass Sie menschliche Fähigkeiten mathematisch und technisch abbilden?

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Genau das versuchen wir.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Eigentlich habe ich nicht viel hinzufügen. Sven ist ja ein anerkannter Experte auf dem Gebiet. Wenn man das wirklich so abstrahieren möchte, versuchen wir im Prinzip, das, was den Menschen wirklich so einzigartig macht – sein Bauplan, aber auch seine »Software« –, zu verstehen und in technische Systeme umzusetzen. Der Mensch ist eben weitaus mehr als nur Hardware, weitaus mehr als nur Software, sondern eine Symbiose aus beidem. Und wenn es gelingt, diese Erkenntnis in ein technisches System umzusetzen, das aber eben nicht den Zweck hat, menschliche Fähigkeiten zu ersetzen, kann man das System viel besser benutzen. Es ist quasi dem Menschen ähnlicher und dadurch viel einfacher und verständlicher. Es ist der Weg, Technologie näher am Menschen zu entwickeln.

 

Welcher Schritt in diesem Entwicklungsprozess war für Sie der wichtigste und welcher der schwierigste?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, denn wir sind auf viele offene Fragen gestoßen. Nehmen wir das Thema Sicherheit. Es gab vor zehn Jahren keine Roboter, die aus dem Schutzbereich heraus durften. Das war eine riesige Hürde. Im ersten Schritt galt es zu überlegen: Wie müssen die Systeme denn überhaupt aussehen? Wie werden Standards gesetzt, um so etwas zu ermöglichen, es voranzutreiben? Im zweiten Schritt ging es um folgende Fragen: Wie kann man das Konzept der Feinfühligkeit in eine Technologie umsetzen, die auch Verbreitung finden kann, die man auch in eine Skalierung bekommt und die nicht, wie ein Roboter fürs Weltall, mehrere Millionen Euro kostet? Wie können wir das Thema salonfähig machen? Wie können wir die Benutzbarkeit realisieren? Wir mussten eine völlig neue Programmiersprache entwickeln – allein das ist ja ein großes Innovationsthema.

Der dritte Schritt war die Vernetzung und Lernfähigkeit, die ich der Einfachheit halber in einen Block packen möchte. Die Fragen hierzu waren noch völlig offen: Wie erschaffen wir autonome bzw. teilautonome Assistenz, wie können wir die Systeme miteinander sinnvoll vernetzen, und wie sollen sie programmiert werden? Das ist auch deshalb so kompliziert, weil es nicht nur ein einfaches Smartphone ist, das der Kommunikation bzw. dem Austausch von Daten dient, sondern weil das System mit der echten Welt und dem Menschen physisch interagiert. Das, was den Menschen so einzigartig macht, sein biomechanischer Bauplan und seine Motorik, all das musste in Mathematik und Algorithmik, die technisch umgesetzt werden können, abgebildet werden. Die Summe der Probleme war groß, die Fragestellungen waren zum großen Teil ungeklärt, ihre Beantwortung anzustreben also mit einem sehr hohen Risiko verbunden.

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Ich glaube, ein entscheidender Schritt für uns – abgesehen von der eigentlichen Entwicklung – war, dass wir uns mit einer eigenen Firma ausgegründet haben. Damit schufen wir eine Umgebung, in der viele extrem kreative und intelligente Leute an den Themen und deren Umsetzung fokussiert mitarbeiten konnten. In einem Großkonzern wäre das in der Form sicher nicht möglich gewesen, dort hätte man nicht an einer Vision wie der unseren arbeiten können.

 

Eine Besonderheit Ihrer Innovation ist die leichte Programmierung. Ist »leicht« damit auch »einfach«? Wie hat man sich das konkret vorzustellen?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Kinder können heutzutage Roboter programmieren, und zwar keine Spielzeugroboter, sondern nun sogar einen echten Roboter wie der von Franka Emika. Und sie können damit Automatisierungsaufgaben lösen, für die vorher wochen- und monatelange Expertenarbeit benötigt wurden. Im Prinzip haben Sie einen Satz Roboter-Apps auf einem Tablet vor sich und ziehen sich sozusagen die Fähigkeiten zusammen. Der Roboter ist ein Werkzeug, Sie holen sich nur noch die dazu passenden Fähigkeiten, und in einem Frage-Antwort-Schema fragt der Roboter die Informationen, die ihm noch fehlen, ab. Diese kann man dem Roboter zum Beispiel einfach vormachen. Er lernt durch Nachmachen. Diese Apps sind auch ganz leicht zu verstehen, es geht beispielsweise um Greifen, Ablegen, Einfügen oder Schrauben. Im Prinzip sind das Tätigkeitsbeschreibungen, die in einem Browser miteinander kombiniert werden. Das funktioniert plattformunabhängig, es geht auf einem Tablet, auf dem iPhone, oder man programmiert es auf einem PC. Das heißt: All diese Technologien beherrschen die Digital Natives von heute aus dem Effeff, und dadurch ist die Sache kinderleicht geworden.

 

Steht Ihre neue Technik im Wettbewerb mit Industrierobotern, ist sie deren bessere Weiterentwicklung?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Nein, da muss ich sofort intervenieren. Wir reden von einer anderen Generation. Im Vergleich zur 1980er-Jahre-Industrierobotik, die bis heute noch genutzt wird, sind wir auf einem völlig anderen evolutionären Level; wir haben eine komplette Neukonzeption bzw. ein neues Denken über das, was der Roboter sein soll, erarbeitet. Bei uns ist der Mensch das alleinige Zentrum und die einzige Inspirationsquelle. Die klassischen Industrieroboter, die schlichte Positioniermaschinen sind, sind zwar in der Anordnung ihrer Achsen ein wenig ähnlich wie der Mensch konzipiert, aber das war es auch schon. Sie haben weder die Feinfühligkeit noch die Leichtigkeit, Lernfähigkeit oder gar die Vernetzung ihrer Fähigkeiten untereinander. Der Mensch erschließt sich die Welt auch nicht primär visuell, sondern insbesondere in frühester Kindheit über seinen Tastsinn. Dieser Tastsinn und seine unerreichte Nutzung machen den Menschen einmalig, er ist auch keine Weiterentwicklung der Bewegung, sondern öffnet uns eine völlig andere Welt. Und genau das gilt auch für Franka Emikas Roboter.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Es gibt unzählige Menschen auf der Welt, die extrem anstrengende Aufgaben zu erledigen haben, jeden Tag, viele Stunden lang. Wir setzen unsere Mitbürger Gefahren aus – kurzfristig, weil es eine gefährliche Arbeit ist, und langfristig, weil so etwas körperlich über Jahrzehnte Beschwerden verursacht. Interessanterweise sind diese Tätigkeiten auch bis heute nicht automatisiert, es gibt schlichtweg keine Roboter dafür. Die Roboter, die man kennt, also Standard-Industrieroboter, können es nicht. Weitere Ursachen liegen eigentlich auch auf der Hand. Erstens: Roboterautomatisierungstechnik ist sehr teuer. Jeder Arbeitsschritt verursacht einen immensen Zeitaufwand, es dauert Monate, eine dieser Zellen aufzubauen. Zweitens: Wenn man die gleiche Zelle noch einmal aufbauen möchte, mit exakt der gleichen Tätigkeit, dann hat man im Grunde nichts eingespart, man fängt wieder von vorne an. Das ist also ein weiteres Investitionsproblem. Und drittens: Der Industrieroboter ist kein Werkzeug, sondern ein Substitut – im Gegensatz zu unserer Innovation: Wir haben ein Werkzeug für den Menschen geschaffen. Das ist der große Unterschied.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Was hat die Menschheit vermutlich am meisten vorangebracht? Unsere Werkzeuge, nichts anderes. Wir sind gerade an der Schwelle zu einer völlig neuen Ära der Menschheit, in der Menschen und komplexe autonome Maschinen gemeinsam den Alltag bestreiten werden. Und mit Technologien wie der von Franka Emika betreten wir diese neue Ära.

 

Ihre Innovation ist lernfähig und feinfühlig und soll auch älteren Menschen im Alltag helfen. Nun gibt es aber auch andere Robotersysteme, die wohl Ähnliches können. Was ist im Vergleich dazu das Besondere an Ihrer Innovation?

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Lassen Sie mich die Frage ein wenig umständlich beantworten. Die Prothese, die wir derzeit bei mir am Institut entwickeln und die auf der Franka- Emika- Technologie basiert, kann einen ähnlichen Sprung wie der vom Industrieroboter zu der zur Franka- Emika-Technologie bedeuteten – also keine Evolution, sondern ein Technologiesprung, und der wird auch in der Prothetik stattfinden. Es geht in unserer Forschung im Prinzip darum, das zentrale Nervensystem des Menschen in einer Prothese abzubilden, damit diese nicht mehr wie bisher sequenziell, und damit sehr umständlich und ineffizient, gesteuert werden müssen muss, sondern für eine koordinierte Bewegung gesorgt wird, so, als wäre die Prothese der eigene Arm. Langfristig möchten wir erreichen, dass eine Prothese so einfach gestaltet und gesteuert werden kann, dass man keinen Unterschied mehr zwischen biologischen und technischen Systemen spürt.

Und dafür werden eben Systeme benötigt, in diesem Beispiel Prothesen, um die gewünschte Bewegung des Menschen in Echtzeit so schnell abzubilden, dass man keinen Unterschied mehr spürt – wir nennen das Transparenz. Diesen Transparenzgrad wollen wir so hoch wie möglich bringen, denn dann spürt man nur einen geringen Unterschied zwischen dem eigenen Körper und der Prothese. Das gelingt eben nur, wenn Sie den Bauplan und die Algorithmen des Menschen, also unser zentrales Nervensystem, die Motorkontrolle für die Motorik des Menschen, verstehen und die Prothese mit Feinfühligkeit und vom Menschen inspirierten Reflexen ausstatten. Stellen Sie sich vor, Ihre Prothese wäre in der Lage, wenn Sie aus Versehen Ihre Hand auf die Herdplatte halten, diese automatisch zurückzuziehen! Die Prothese schützt Sie, indem sie Sie in die Lage versetzt, einen Reflex zu zeigen, und damit hat sie natürlich ganz andere Fähigkeiten als alle Systeme bisher.

Für die Robotik, die unsere älteren Mitbürger unterstützen soll, haben wir einen neuen Begriff für die Technologie eingeführt: die Geriatronik. Es geht darum, dass wir Mechatronik, Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen, also alles, was mit der modernen Robotik in Verbindung steht, in der Geriatrie und in der Gerontologie einsetzen wollen. Warum? Um die Selbstständigkeit des Menschen im Alltag durch Unterstützung von Geriatronik-Systemen so lange wie es geht zu erhalten. Wir wollen unsere Technologie für den Menschen einsetzen, wir wollen also sicherstellen, dass diese Technologie nicht nur um der Technologie willen erzeugt wird. Dafür sprechen wir mit älteren Menschen, mit pflegenden Angehörigen, mit Pflegepersonal, mit Gerontologie- und mit Geriatrieexperten darüber, was die Senioren wirklich benötigen. Unser System Leibniz, das wir derzeit aufbauen, wollen wir ab nächstem Jahr in Garmisch-Partenkirchen einsetzen – der Kosenamen lautet: Garmi. Es basiert auf der Franka-Emika-Technologie, bringt die beschriebene Feinfühligkeit mit, und durch Vernetzung ist es nicht nur ein Werkzeug für den Alltag unserer älteren Bürger, sondern auch ein völlig neues Kommunikationsmedium für Angehörige, aber auch medizinisches Personal.

Generell gilt: Es ist die nutzerorientierte, menschenorientierte Sicht, die das auszeichnet, was wir tun. Wir stellen uns nicht die technischen Fragen zuerst, sondern überlegen, was wir tun müssten, damit wir solche Dinge überhaupt erst ermöglichen. Und wenn man das tut, dann sehen die Systeme nicht nur von außen anders aus, sondern auch das Innere der Systeme, der Roboter, ist komplett anders. Die Feinfühligkeit steht an erster Stelle, die intuitive Nutzbarkeit an zweiter, ebenso die Vernetzung, die man zur intuitiven Benutzbarkeit schon fast automatisch benötigt, sowie die Lernfähigkeit dahingehend, dass sich der Roboter als intelligentes Werkzeug versteht. Das Werkzeug eines älteren Menschen, der es bei sich zu Hause einsetzen möchte, ist natürlich anders als das Werkzeug eines Fabrikarbeiters. Für Franka Emika haben wir künstliche Arme entwickelt, also Roboterarme. Das erlaubt nun auch den Sprung in die Servicerobotik. Wir können nun einen Roboter für den dritten, vierten Lebensabschnitt, in dem die Menschen zu Hause noch selbstbestimmt leben und arbeiten möchten, entwickeln und einsetzen.

Natürlich entsteht gleich die nächste Frage: Ist das Ganze auch bezahlbar? Unser Gesundheitssystem hat bekanntermaßen große Probleme, und wir wollen, dass unsere Assistenzsysteme zum Beispiel die Krankenschwestern entlasten, die Tätigkeiten durchführen, die mit der Pflege nichts zu tun haben, und dies soll auch bezahlbar sein.

 

Kann der ältere Mensch auf die Fähigkeiten seines Roboters vertrauen?

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Er muss es können, sonst wird das System nicht akzeptiert, und dann hat es auch keinen Sinn.

 

Wie teuer ist ein solches Gerät? Die Kosten im Gesundheitswesen sind ja gerade bei der älter werdenden Bevölkerung ein großes Thema.

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Grundsätzlich war es immer unser Ziel, das Ganze so günstig, wie möglich zu machen. Der Roboterarm, so wie er jetzt zur Verfügung stehen wird, kostet 9.900 Euro in der Basisausführung. Das ist in etwa ein Zehntel von dem, was ein vergleichbarer herkömmlicher Roboter kosten würde. Und auch die Servicerobotik oder ein Humanoid darf dann nicht in dem bisherigen Rahmen liegen, da sprechen wir ja von sechs- bis siebenstelligen Beträgen. Auch hier wollen wir eine neue Preisklasse schaffen. Wir sind gerade in ein größeres Pilotobjekt eingebunden und versuchen, die gesetzlichen Krankenkassen und Pflegeversicherungen mit ins Boot zu holen. Denn die sind ebenfalls betroffen: Ein gebrechlicher älterer Herr beispielsweise kommt zwar vielleicht zu Hause noch zurecht, hat aber Probleme, sich Essen zu machen oder die Post aus dem Briefkasten zu holen, und landet aus diesem Grund im Pflegeheim. Das System ist für Krankenkassen interessant, denn wenn man den Zeitraum der Selbstversorgung zu Hause durch Assistenzsysteme verlängern kann, rechnet sich diese Unterstützung.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Der Gemeinderat Garmisch-Partenkirchen hat diesbezüglich Unterstützung zugesagt. Die Technologie, die wir entwickelt haben und derzeit entwickeln, soll in groß angelegten Studien und Einsätzen in Probewohnungen für ältere Menschen im realen Betrieb getestet werden – zum ersten Mal. Das ist ein ganz tolles Zeichen, dass so etwas in einer Gemeinde stattfindet, in der der dritte und vierte Lebensabschnitt ein großes Thema ist. Auch wir müssen Erfahrungen sammeln: Was gilt es noch zu verbessern? Was brauchen die Menschen wirklich? Hier ist eine ganz wunderbare Initiative entstanden.

 

Wollen Sie damit sagen: Erst kommt die Vision, dann die Technik?

Dipl.-Inf. (FH) Sven Parusel: Es wäre gar nicht möglich gewesen, das alles zu entwickeln, wenn wir diese Vision nicht gehabt hätten. Der Vision folgen dann die Algorithmen, die Hardware und Software.

Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin: Es ist nicht so, dass wir zunächst eine Technologie entwickelt und anschließend geschaut haben, was wir damit machen können. Wir wollen eine Vision verfolgen, wir wollen Assistenzsysteme für den Menschen schaffen, und daraus hat sich abgeleitet, was wir dafür tun, erforschen und entwickeln müssen.

 

Um auf die wirtschaftlichen Aspekte zu kommen: Wie viele Systeme gibt es schon auf dem Markt, und wie viele sind im Einsatz?

Dr. med. (Univ. Debrecen) Simon Haddadin: Wir haben derzeit Systeme bei sehr engen Partner in der Forschung und Entwicklung und stocken nun unsere eigene Produktion mit weiteren Robotern auf, um hier einen weltweit einmaligen Automatisierungsgrad zu erreichen. Die kommenden vier bis fünf Wochen wird dann ausgeliefert, und Ende des Jahres 2018 sind wir bei rund 1.000 Robotern. Das ist unser Ziel, und das werden wir auch erreichen. Wir werden zunächst circa 600 Systeme an Forschungseinrichtungen, Konzernforschungen und Universitäten ausliefern, um unsere Community zu stärken. Danach wird der Roll-Out in die Industrie stattfinden, und unser Ziel ist es, eine Million Systeme bis 2025 auszuliefern.

 

KONTAKT

Dr. Simon Haddadin

Geschäftsführer

Franka Emika GmbH

Infanteriestraße 19, Geb.3

80797 München

Tel.: + 49 (0) 89 / 20 06 06 026

Fax: + 49 (0) 89 / 20 06 06 921

E-Mail: simon.haddadin@Franka.de

www.Franka.de

www.facebook.com/Frankaemika/

www.twitter.com/FRANKAEMIKA

Die Autorin

Mechtild Freiin v. Münchhausen, M.A.

Leiterin Referat für Kommunikation und Marketing

Pressesprecherin

Leibniz Universität Hannover

Welfengarten 1

30167 Hannover

Tel.: + 49 (0) 511 / 76 25 355

Fax: + 49 (0) 511 / 76 25 391

Mobil: + 49 (0) 177 / 37 34 026

E-Mail: vonMuenchhausen@zuv.uni-hannover.de

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